Was ist nun so schlimm daran, aus vielen verschiedenen Personen zu bestehen?

Ihr werdet Euch sicher fragen, warum wir da nun so ein großes Gewese draus machen, daß wir viele in einem Körper sind.
Das eigentlich Dramatische ist ja die Zeit, bis man als Multiple Persönlichkeit erkannt wird und Hilfe bekommt, miteinander leben zu lernen. Meist sind die Gastgeberpersönlichkeiten so sehr von allen anderen Innenpersonen abgeschottet, daß sie von deren Existenz gar nichts bemerken. Das heißt, die Widersprüchlichkeiten, scheinbaren oder wirklichen Lügen, Auffälligkeiten, all das bemerkt jeder andere, aber die Gastgeberperson nicht. Sie ist für alles andere amnestisch, sie bekommt nichts davon mit, wenn Innenleute nach vorn kommen und handeln. Sie steht dann da, wird von der Umgebung damit konfrontiert, Dinge getan zu haben, Sachen gesagt zu haben, an die sie sich beim besten Willen nicht erinnern kann. Sie hat einen großen Teil der Zeit keine Kontrolle über "ihr" Handeln.
Je nachdem, wie ein System dann organisiert ist, kommt es im Alltagsleben mehr oder weniger gut zurecht. Es gibt Systeme, die sind in der Lage, normal arbeiten zu gehen, auch wenn es mit riesen Kraftaufwand verbunden ist. Viele Systeme schaffen das aber nicht, weil der damit verbundene innere Streß (der nicht gleichzusetzen ist mit dem, was Streß für normale Leute bedeutet) zu hoch ist. Streß im Innen ist es für ein System immer dann, wenn es darauf achten muß, zu funktionieren, nicht erkannt zu werden, nicht so gut im Hier und Jetzt orientierte Innenpersonen daran zu hindern, nach außen zu kommen. Also: Streß im Innen ist jeder Konktakt mit anderen Menschen.
Ihr könnt Euch ohne Schwierigkeiten vorstellen, was passiert, wenn der erwachsene Körper sich z.B. auf Arbeit plötzlich wie ein kleines Kind benimmt, Mitarbeitern und Vorgesetzten im schlimmsten Fall die Zunge rausstreckt. Auf der Startseite haben wir eine Situation geschildert, wie sie multiplen Kindern alltäglich passiert. Das wird ja nicht besser. Auch im Erwachsenenalter muß der Mensch ständig Ausreden dafür erfinden, daß er bestimmte Dinge getan hat, von denen er wahrscheinlich nichts weiß.


  Eine Bemerkung möchte ich der Vollständigkeit halber noch machen: man kann auch als nicht-multipler Mensch dissoziative Fugues haben. Das funktioniert dann im Prinzip genau so, wie hier beschrieben, nur eben ohne daß es noch andere Ichs im Körper gibt.  


Mir ist einmal folgendes passiert:
Ich kam plötzlich zu mir - alles was vorher passiert ist, weiß ich nicht - als ich irgendwo am Straßenrand stand. Ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Ich sah mich um, es mußte ein Autobahnparkplatz sein. Wie kam ich da hin, wo war ich überhaupt? Null Erinnerung. Gar nichts. Nur ein großes Loch in der Erinnerung.
Was tun? Keine Tasche, keinen Rucksack, kein Schlüssel, kein Handy, nichts hatte ich bei mir. Wo bin ich, wie komme ich nach Hause? Ich steige nun auch nicht gerade gern bei fremden Leuten ins Auto ein...
Ich stellte mich an die Autobahn, in der Hoffnung, daß ein Polizeifahrzeug vorbei kommt. Irgendwann hatte ich Glück, ich winkte, sie hielten an.
Ich bat um Hilfe. Logisch, es folgte sofort die naheliegende Frage, was denn los wäre. Aber wenn ich nun die Wahrheit erzähle, nämlich daß ich nicht weiß, wo ich bin, und wie ich da hin gekommen bin, werde ich bestenfalls als verrückt eingestuft und stehen gelassen, schlimmstenfalls in die Psychiatrie eingewiesen. Da ist ein System dann auf seine Fähigkeit angewiesen, Ausreden zu erfinden, die möglichst nicht durchschaubar sind. Damals hatte ich ja noch keinen Schimmer, daß ich die Gastgeberin eines Systems bin, irgendwo her kam nur plötzlich ein Einfall: "Ich habe mit meinem Mann Streit gehabt, er ist an der Raststelle ohne mich weitergefahren, meine persönlichen Sachen sind alle im Auto geblieben..."
So landete ich also schließlich in Chemnitz auf dem Polizeirevier. Meine Angaben wurden überprüft, ja, eine Person meines Namens gab es unter angegebenen Adresse, in der Schule wurde bestätigt, daß meine Angaben zu meinen Kindern richtig seien.
Nun mußte ich nur noch von Chemnitz nach Hause zurückkommen. Ein Beamter dort borgte mir Geld, so daß ich mir eine Fahrkarte kaufen konnte. Eigentlich ein Risiko für ihn, denn ich hatte ja keine Ausweise, nichts, er hatte keine Gewähr, daß er das Geld jemals wieder zurück bekommt.
Ich fuhr mit dem Zug nach Hause, ging in die Schule meiner Söhne, holte den Wohnungsschlüssel ("Ich brauche deinen Schlüssel, hab mich aus der Wohnung ausgesperrt...").
Zu Hause war tatsächlich alles da, Rucksack mit Ausweis, Portemonaie, Handy, Schlüssel, alles lag an seinem Platz.
Was passiert ist, wer von uns warum vermutlich Richtung Chemnitz getrampt ist - ich habe es bis heute nicht herausbekommen. Dem freundlichen Beamten in Chemnitz habe ich das Geld zurückgeschickt mit einem kleinen Dankeschön. Für ihn werde ich immer die Frau sein, deren Mann sie nach einem Streit einfach an der Autobahn stehen ließ. Obwohl ich das selbst für eine Phantasieausrede halte, denn ich lebte damals schon lange von meinem Mann getrennt. Aber wie gesagt, was wirklich passiert ist, weiß ich nicht, wissen wir nicht.




zurück zu Idas Seiten