Ich habe eine Geschichte geschrieben, in die ich meine Erfahrungen gepackt habe, wie Dissoziationen zu erleben sind.
Dabei habe ich viele verschiedene Arten von Dissoziation gebündelt, die nicht alle zwangsläufig, immer und bei jedem Betroffenen auf einmal auftreten. Auch nicht bei mir.

Den Unterschied zu "normalen", also assoziierten Empfindungen kann ich erst seit einiger Zeit, und auch nur manchmal spüren. Und oft genug passiert es noch heute, daß ich z.b. blaue Flecke am Körper finde, von denen ich nicht weiß, wie sie entstanden sind, weil ich einfach keinen Schmerz gespürt habe.

Wohlgemerkt, diese Art von Dissoziationen erlebe ich, Ida, als Gastgeberin unseres Systems. Diese Dissoziationen sind Reaktionen meiner Person teilweise völlig unabhängig vom Aufgespalten - Sein in viele Anteile. Also auch viele Menschen, die nicht multipel sind, kennen diese Dissoziationen.




Du wachst morgens auf und gehst - völlig routinemässig und ohne darüber nachzudenken als erstes ins Bad. Du denkst nicht darüber nach, was du tust, folgst der Routine, alles ist wie immer. Dann stehst du plötzlich vor dem Spiegel. ??? Verwirrung. Denn das Gesicht, das du da siehst, ist nicht deines! Es wirkt völlig fremd und unvertraut auf dich! Und damit fangen die Probleme an. Denn plötzlich merkst du, dass nichts mehr so ist, wie du es kennst. Beim Waschen spürst du das Wasser in deinen Händen nicht. Du merkst gar nicht, dass du darin Wasser auffängst. Du kannst es nur wahrnehmen, weil du es siehst. Spüren tust du es nicht. Auch im Gesicht spürst du das Wasser nicht. Du drehst den Hahn ganz auf kalt - mit dem gleichen Ergebnis, du spürst das Wasser im Gesicht nicht. Erst als du das Wasser ganz heiß drehst, deine Hände schon rot davon werden, spürst du Wärme. Keine Hitze, Wärme.
Du ziehst dich an, das geht auch ganz routiniert, denn die Sachen liegen schon bereit. Die Schuhe hast du am Abend vorher aber nicht bereit gestellt, jetzt ist es ein schier unlösbares Problem für dich, zu entscheiden, welche Schuhe zu diesen Sachen passen. Du hast keinerlei Gefühl mehr dafür. Du kannst nicht einmal mehr unterscheiden, ob diese Schuhe nun braun, blau oder schwarz sind. Du siehst nur, dass sie dunkel sind, es ist, als ob du vergesssen hättest, wie Farben aussehen.
Du willst frühstücken. Der Kaffee ist heiß, die Brötchen sind wohl wie immer frisch und duftend vom Bäcker. Du nimmst nichts davon wahr. Du setzt die Kaffeetasse an die Lippen - dein Partner sagt: Vorsicht, der Kaffee ist kochendheiß!! - du bemerkst nichts davon. Ist das nun Kaffee oder Tee? Du schmeckst es nicht. Auch den Duft der Brötchen riechst du nicht. Du schmeckst sie nicht, es könnte genauso gut auch Pumpernickel sein - für dich macht das keinen Unterschied. Nichts dringt zu dir durch. Du bist wie abgekoppelt von deinem Körper.
Du funktionierst, solange du dabei nicht auf Rückmeldungen des Körpers angewiesen bist. Die Treppen, die dir vertraut sind, steigst du wie immer hoch, ohne hinzusehen. Auf dem Treppenabsatz poltert ein großer Keramik - Blumentopf durch die Gegend und geht kaputt. Du hast ihn überhaupt nicht gesehen, weil du das vertraute, in deinem Kopf gespeicherte Bild sahst, wie es hier immer aussieht. Dass hier heute etwas verändert war, kam nicht bei dir an.
Jemand spricht dich an, dass du einen großen Fleck auf deinem Hosenbein hast. Erst wunderst du dich, wo der her kommt. Dann stellst du fest: es ist Blut. Blut von deinem Schienbein. Das musst du dir vorhin aufgeschlagen haben, als du an den Blumentopf gestoßen bist. Gemerkt hast du davon nichts, es tut auch nicht weh.
Irgendwie bist du dann in dein Büro gekommen. Dort sitzt Du an deinem Schreibtisch. Aber es ist völlig seltsam heute - du kannst dich nicht konzentrieren. Deine Gedanken schweifen ab, wandern ins Nichts. Dir fällt das nicht auf, du gibst dich dem wohltuenden Gefühl hin, in einer heimeligen Welt zu sein, wo nichts da ist außer dir. Keine schier unlösbaren Anforderungen, keine beunruhigenden Fragen, keine abwertenden Bemerkungen, keine Ängste, gar nichts ist da außer dir. Irgendwann kommt ein Kollege ins Zimmer, dir ist, als wachst du auf, du kommst in die Realität zurück. Siehst auf die Uhr und erschrickst - du hast zwei Stunden dagesessen und vor dich hingestarrt, ohne auch nur zu bemerken, dass die Zeit vergeht.
Ein Mitarbeiter kommt, erzählt dir seine Geschichte. Mehrmals musst du ihn unterbrechen und rückfragen - weil du die letzten Sätze zwar akustisch gehört hast, dein Verstand aber nicht in der Lage war, das Gesprochene aufzunehmen, zu verarbeiten. Du hörtest die Worte, aber sie hätten genauso gut auch chinesisch sein können.
Du hast keine dringenden Termine mehr, gehst nach Hause, weil heute so ein sch... Tag ist. Auf dem vertrauten Weg stellst du fest, dass du irgendwie nicht mehr richtig sehen kannst. Alles, was direkt in deiner unmittelbaren Nähe ist, ist nicht nur nicht spürbar, sondern sieht aus, wie im Nebel. Je weiter etwas weg ist, desto weniger Nebel ist dort. Dafür verschwimmen entfernte Dinge, so dass es aussieht, als wäre jemand in einem Bildbearbeitungsprogramm mit dem Retuschierpinsel darüber gegangen.
Komisch, heute hörst du die Vögel gar nicht, es ist doch schönes Wetter, sind sie nicht da? Dafür erschrickst du plötzlich ganz stark. Du stehst ganz nah am Bordstein, ein Auto (das du nicht kommen hörtest) hupt laut und unerwartet. Dein Herz rast, jagt, stolpert, kann sich nicht wieder beruhigen. Du bist völlig außer Atem, fühlst sich schwach, wie ausgelaugt. Daß man dieses Gefühl "Angst" nennt, weißt du nicht, du spürst nur die körperlichen Erscheinungen, wie immer, wenn irgendetwas passiert in deinem Leben. Kaum reicht deine Kraft, um nach Hause zu kommen. Mit gewaltiger Willensanstrengung schaffst du es.
Du willst dir etwas Gutes tun, lässt dir die Badewanne ein. Hm, du hast den Hahn auf die gewohnte Stellung gedreht, aber das Wasser muss heute wohl sehr kühl aus der Leitung kommen, denn du frierst. Also drehst du heißes Wasser dazu, bis du angenehme Wärme spürst. Sonderbar ist nur, dass deine Haut ganz rot wird... Aber heute ist ja einiges sonderbar. Du lässt noch mehr warmes Wasser hinzu, bis du dich richtig wohlig warm fühlst. Wieso die Haut so rot wird, ist eigentlich nicht so wichtig, du hast einen neuen Badezusatz, vielleicht verträgst du ihn nicht... Erst als du aus der Wanne steigen willst, stellst du fest, dass irgendetwas überhaupt nicht stimmt. Plötzlich versagt dein Kreislauf, dir wird schwindlig, du musst dich auf den Boden setzen. Dein Partner kommt, hilft dir, frottiert dich ab. Du spürst das nicht, bittst darum, dass er stärker aufdrückt, bis er protestiert und sagt, dass das ja sogar ihm wehtue! Für dich fing die Berührung gerade an, überhaupt wahrnehmbar zu werden. Dein Partner greift in das Badewasser, will den Stöpsel heraus ziehen, mit einem Schrei zieht er seine Hand zurück und fängt an zu schimpfen, ob du denn verrückt wärst, das Wasser so heiß zu machen? Kein Wunder, dass dein Kreislauf schlapp mache und deine Haut so rot sei! Wie du das denn überhaupt ausgehalten hättest, will er wissen. Dir ist das alles ein Rätsel. Viel zu heiß? Es war doch nur schön warm!
Alles, was du tust, wird davon beeinflusst, dass du deinen Körper nicht spüren kannst. Soweit du ihn nicht siehst, ist es, als wäre er nicht vorhanden.
Gefühle - das sind Sachen, von denen du weisst, dass es sie gibt. Aber du spürst heute keine. Nichts, gar nichts geht dich etwas an, berührt dich, dringt zu dir durch.
Du bekommst einen Anruf, dass deine Freundin, die schwer krank war, gestorben ist. Es scheint dir überhaupt nichts auszumachen. Du fühlst keine Traurigkeit, du empfindest nichts, es scheint nicht wichtig, nicht real zu sein. Das Einzige, was du spürst, ist diese riesengroße, bleierne Schwere und Kraftlosigkeit.

So erlebe ich Dissoziation.